Die aktuelle so genannte Friedensdenkschrift der EKD ist für mich persönlich keine Orientierungshilfe mit Blick auf all die aktuellen Konflikte. Sie scheint mir eher ein traurig stimmender Versuch, die allgemeine politische Stimmung kirchlich und auch theologisch zu untermauern. Das will ich an drei Punkten erläutern:
1.Pazifismus
Zwar wird erklärt, Gewaltfreiheit sei ein ethischer Grundsatz für Christinnen und Christen, „der nicht an politische Zweckmäßigkeiten geknüpft ist. Dennoch ist Gewaltverzicht nicht in jeder Lage zwingend.“ (S. 19) Weiter: „Christlicher Pazifismus ist als allgemeine politische Theorie ethisch nicht zu begründen. Er ist aber als Ausdruck individueller Gewissensentscheidung zu würdigen. Christlicher Pazifismus ist Ausdruck gelebter Frömmigkeit.“ Damit wird Pazifismus in der Tat abgeschoben ins Private, kein Fundament mehr für eine grundsätzliche christliche Haltung. Sollte unsere Kirche nicht den Mut haben, eine energische Stimme für Frieden, Abrüstung und Diplomatie zu erheben. Wie viele Menschen hoffen darauf!
2.Atomwaffen
Zwar wird erklärt, eine Ächtung von Atomwaffen sei ethisch geboten. Dennoch heißt es: „Der Besitz von Nuklearwaffen kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser Waffen trotzdem politisch notwendig sein.“ (S. 15) Das ist für mich angesichts der Potentiale der Massenvernichtungswaffen aus christlicher Perspektive nicht nachvollziehbar. Unsere Kirche sollte doch dringend mahnen: Keine atomare Bewaffnung, Bann aller Atomwaffen, um der Menschen willen!
3.Wehrpflicht
Zwar wird erklärt, dass in der DDR die Totalverweigerung und der Dienst als Bausoldaten die deutlicheren christlichen Zeugnisse waren. Doch dann heißt es das 5. Gebot beziehe sich “nicht auf das Töten im Krieg oder etwa das Töten aus Notwehr“ (S. 125) Vielmehr werde ein „Töten ohne Rechtsgrundlage“ abgewehrt (ebd.). Plädiert wird für eine „übergreifende Dienstpflicht“ wobei dem Dienst innerhalb oder außerhalb des Militärdienstes kein Vorrang gegeben wird. Ein Gebot nach Lage zu relativieren erscheint mir höchst fraglich – das könnte ja sonst auch für alle anderen Gebote geltend gemacht werden. Den Kriegsdienst verweigern, das wäre für unsere Kirche eine dringliche Mahnung in dieser Zeit!
Für mich ist mit dieser Denkschrift eine große Chance verpasst, in Zeiten massiver Aufrüstung glasklar für Abrüstung zu plädieren. Die Chance, den Pazifismus aus christlicher Überzeugung und auf Grundlage des Evangeliums wieder in die Debatte in der Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Chance, eine Ächtung atomarer Waffen und die Forderung nach einem Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Die Chance, deutlich zu machen, dass es nicht um Wehrpflicht geht, sondern um die Verpflichtung zum Kriegsdienst, demgegenüber die Verweigerung in der Tat das deutlichere christliche Zeichen ist. Da ist die Lehre Jesu glasklar.
Gegen Ende des Textes werden Friedensinitiativen durchaus gewürdigt, doch als Ermutigung der Friedensbewegung lässt sich die Denkschrift nicht lesen.
Bei einem Gespräch in Ostdeutschland über die neue Friedensdenkschrift der EKD hieß es: Die evangelische Kirche hat die Friedensbewegung schlicht ausgebürgert. Das klingt enttäuscht – und ich teile die Enttäuschung. Zwar ist in der Denkschrift die Rede vom „gerechten Frieden“ wie sie sich anstelle der vom „gerechten Krieg“ durchgesetzt hat. Auf vielen, etliche Argumente abwägenden Seiten wird das ebenso erläutert wie die aktuellen Herausforderungen. Allerdings wird der „Schutz vor Gewalt“ angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine zum zentralen Motiv der Argumentation erklärt. Theologisch ist vor allem die Rede davon, dass der Mensch nun einmal sündig sei und die Welt eine unerlöste. Das erscheint mir allzu einfach. Der Friede Gottes mag erst in Gottes kommender Welt vollkommen sein. Aber diese Vision mahnt uns alle doch, schon hier und jetzt glasklar für Frieden einzutreten!
Im letzten Teil der Denkschrift werden die derzeitige Aufrüstung und eine Wehrpflicht befürwortet. Ob Waffenlieferungen ethisch geboten seien, müsse durch Güterabwägung entschieden werden (S. 121). Sollten sie erfolgen wären die Kriterien rechtserhaltender Gewalt anzuwenden (S. 16). Aus „ethischer wie völkerrechtlicher Perspektive“ … könne sogar … „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein.“ (S. 116). Das öffnet meines Erachtens Willkür Tür und Tor.
Ja, traurig. Gerade in diesen Zeiten könnte unsere evangelische Kirche eine starke, klare Stimme für den Frieden und den Abbau von Feindbildern sein, wenn wir an den Konflikt in Israel und Gaza, an den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine denken. Diese Chance ist vertan. Hoffnung macht, dass es sie noch gibt, die vielen kleinen Friedensinitiativen und aktiven Kirchengemeinden…
Zitiert wurde nach: Welt in Unordnung – gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen, Leipzig 2025.
- Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlich im Loccumer Pelikan 2/2026
